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"Die Machtverhältnisse im Handel werfen Fragen auf"

Datum 02.02.2013

Interview des Präsidenten des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt, mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den Einzel- und Lebensmitteleinzelhandel.

Das Bundeskartellamt durchleuchtet den Einzelhandel. Vor allem der Lebensmitteleinzelhandel sieht sich unter Generalverdacht.

FAZ: Herr Mundt, schon wieder hat das Kartellamt ein Millionenbußgeld gegen Lebensmittelhersteller verhängt. Ist die Branche besonders anfällig?

Mundt: Nicht mehr und nicht weniger als andere Wirtschaftszweige auch. Gegen die Versuchung, lästigen Wettbewerb auszuschalten, ist wohl kein Sektor immun.

FAZ: Aber die Fälle scheinen sich zu häufen. Sie ermitteln ja auch noch wegen möglicher Absprachen zwischen Handelsketten und Markenherstellern.

Mundt: In diesen Verfahren gehen wir dem Verdacht nach, dass es zwischen Herstellern und Händlern illegale Absprachen über Endverkaufspreise gekommen ist. Es geht um so unterschiedliche Produkte wie Kaffee, Süßwaren, Tiernahrung, Bier, Körperpflegeprodukte sowie Babynahrung und -kosmetik. Das Verfahren betrifft mittlerweile über 70 Unternehmen. Trotz dieser Komplexität hoffen wir, im Laufe des Jahres erste Ergebnisse präsentieren zu können.

FAZ: Gleichzeitig durchleuchtet Ihre Behörde in einer Sektoruntersuchung den gesamten Lebenmitteleinzelhandel (LEH). Dort sieht man sich schon unter Generalverdacht.

Mundt: Solche Vorwürfe gehen an der Sache vorbei. Unsere Ermittlungen kommen ja nicht aus heiterem Himmel, wir haben handfeste Hinweise auf Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht. Unsere Sektoruntersuchung dagegen verfolgt ein anderes Ziel. In Deutschland konzentrieren sich 85 Prozent des Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel auf vier große Handelsketten, nämlich Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Kauf1and und dem Discounter Lidl. Ihnen stehen mehrere tausend Lieferanten gegenüber. Wir wollen wissen, wie es um die Nachfragemacht des Handels steht und wie die Einkaufspreise und Bezugskonditionen zustande kommen.

FAZ: Warum das Ganze? Lebensmittel sind doch angeblich nirgendwo in Europa so günstig wie hierzulande.

Mundt: Das hört man immer wieder. Andererseits hat das Statistische Bundesamt gerade neue Zahlen vorgelegt: Lebensmittel haben sich in Deutschland 2012 im Durchschnitt um 5 Prozent verteuert. Im europäischen Vergleich liegen wir in Deutschland eher im Mittelfeld. Und nicht nur die Preise, auch die Qualitäten von Lebensmitteln sind sehr unterschiedlich.

FAZ: Es gibt jeden Tag neue Sonderangebote für fast jedes Produkt. Malen Sie nicht zu schwarz?

Mundt: Preiskämpfe konzentrieren sich meistens auf einige wenige Produktgruppen. Im Sortiment eines Supermarktes mit bis zu 50 000 Einzelprodukten wird mit vielen Produkten natürlich auch eine gute Marge gemacht. Gerade in der jüngeren Vergangenheit konnten wir auch viele Preiserhöhungsrunden beobachten.

FAZ: Stehen Sie Fusionen im LEH deshalb so kritisch gegenüber?

Mundt: Wenn wir den Konzentrationsprozess im deutschen LEH nicht unter Kontrolle halten, haben wir irgendwann Verhältnisse wie in Großbritannien, wo nur noch drei große Supermarktketten den LEH beherrschen. Und wie sich dort zeigt, ist dann endgültig Schluss mit vermeintlich günstigen Lebensmittelpreisen.

FAZ: Die Sektoruntersuchung konzentriert sich auf die Beschaffungsmärkte. Fungiert das Kartellamt jetzt als Anwalt der Lebensmittelindustrie?

Mundt: Bei den meisten Lieferanten handelt es sich nicht um große Konzerne wie Nestle oder Unilever, sondern um mittelständische Unternehmen. Da liegt es auf der Hand, dass man sich die Machtverhältnisse einmal genauer ansieht. Viele Wettbewerbsbehörden befassen sich damit. In Brüssel gibt es ja sogar Stimmen, die hier regulierend eingreifen wollen.

FAZ: Haben Sie von Lieferanten Hinweise auf konkrete Verstöße?

Mundt: Beschwerden gibt es immer wieder. Aber das ist nicht der Anlass für die Sektoruntersuchung. Sie zielt nicht auf einzelne Vorwürfe oder Unternehmen, sondern wir wollen das Gesamtgeschehen genauer ausleuchten.

FAZ: Wie weit sind Sie damit?

Mundt: In der ersten Stufe haben wir zentrale Unternehmens- und Marktstrukturdaten erhoben. Im zweiten Teil stellen wir die Lupe schärfer ein. Wir investieren viel Zeit und Aufwand, um festzustellen, wie Einkaufspreise und andere Konditionen zustande kommen. Ein solcher Einblick in die Verhandlungsabläufe ist ein wichtiger Baustein, um die Verhältnisse kartellrechtlich präzise bewerten zu können.

FAZ: Damit meinen Sie die Frage, ob es auf der Beschaffungsseite ein marktmächtiges Oligopol gibt?

Mundt: Das ist eines von mehreren denkbaren Ergebnissen. Aber noch mal: Mit der Sektoruntersuchung verfolgen wir das Ziel, vertiefte Erkenntnisse über die Machtverhältnisse zwischen Handel und Lieferanten zu gewinnen. Was dabei herauskommt, ist noch offen.

FAZ: Die Vollsortimenter, Edeka vorweg, beschweren sich, dass die Untersuchung von vornherein falsch angelegt sei.

Mundt: Na ja, wirklich überraschend ist es nicht, dass das eine oder andere Handelsunternehmen hier ein bisschen klappert. Aber seien Sie sicher, wir nehmen hier eine sehr umfassende Untersuchung vor. Die Kriterien der Stichprobe der über 250 Produkte, die wir jetzt eingehender analysieren, haben wir ebenso wie den Fragenkatalog im Vorfeld ausführlich mit allen Marktbeteiligten besprochen.

FAZ: Wie wollen Sie mit nur 250 Produkten das komplette Sortiment abbilden?

Mundt: Die Stichprobe umfasst aus allen Warengruppen besonders umsatzstarke Produkte, die es in jedem Supermarkt geben muss, aber auch Produkte, die bei den Discountern gelistet sind. Die Stichprobenziehung erfolgte innerhalb verschiedener Kategorien rein zufällig, damit keine verzerrende Auswahl stattfindet. Auf diese Weise haben wir auch Erzeugnisse von kleineren Herstellern erfasst. So haben wir einen aussagekräftigen und unbeeinflussten Querschnitt durch das gesamte Sortiment aller Markenartikel erhalten.

FAZ: Warum kommen ausgerechnet die Eigenmarken der Discounter in der Auswahl kaum vor, obwohl doch Aldi oft die Preise setzt?

Mundt: Wir berücksichtigen natürlich auch die Bedeutung von Handelsmarken. Unsere Überprüfung dient hier insbesondere dazu, das Handelsmarkenumfeld, in dem sich ein Markenartikelhersteller bewegt, möglichst genau zu erfassen. Hier ist aber ein sehr differenzierter Ansatz geboten, denn Handelsmarken haben in verschiedenen Produktbereichen ganz unterschiedliche Bedeutung. Außerdem müssen wir berücksichtigen, dass es in einem typischen discountmarkt etwa 800 Artikel gibt, in einem Edeka- oder Rewe-Supermarkt finden Sie hingegen mehrere zehntausend verschiedene Produkte.

FAZ: Und die Preisführerschaft von Aldi spielt für Sie keine Rolle?

Mundt: Aldi macht vielleicht die Preise für einige Eckprodukte und bestimmt dort den Wettbewerb. Aber das lässt sich nicht auf das Gesamtangebot eines Vollsortimenter übertragen. Vollsortimenter setzen übrigens auch im gehobenen Preissegment immer stärker auf ihre eigenen Handelsmarken. Und bei deren Preisgestaltung orientieren sie sich weniger am Discount als vielmehr an den entsprechenden Markenartikeln.

Das Gespräch führte Helmut Bündner.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung am 02.02.2013.