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"So läuft die Abzocke an den Tankstellen"

Datum 25.07.2011

Der Präsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt, im Gespräch mit dem Express über die Preispolitik der Ölkonzerne.

Die Sprit-Abzocke und kein Ende! Ob Wochenende oder Ferienbeginn - stets steigen die Preise. Günstige Alternativen gibt es kaum. Schuld ist ein ausgeklügeltes System der großen Öl-Konzerne, sagt Andreas Mundt (50), Präsident des Bundeskartellamts. Uns erklärt er, wie Shell, Aral und Co. uns austricksen.

Frage: Was erwartet uns noch alles an der Zapfsäule?

Mundt: Ich erwarte genau das, was wir seit Jahren beobachten: Es wird teurer.

Frage: Was heißt das konkret?

Mundt: Zum Ferienauftakt geschieht das, was jede Woche nach demselben Muster verläuft: Freitags fällt der Startschuss für eine neue Preiserhöhungsrunde. Er bröckelt dann in den folgenden Tagen ganz langsam wieder ab. Montags ist es dann tagsüber relativ preiswert, ab 18 Uhr geht es dann wieder hoch.

Frage: Die Unternehmen sagen, dann sei die Nachfrage am höchsten.

Mundt: Das scheint eben genau so nicht zu sein. Es hat uns auch überrascht, aber offenbar wird gerade am Freitag – wo es teuer ist – relativ wenig verbraucht, umso mehr am Montag, wo es preiswerter ist. Und auch zum Ferienbeginn wird nach unseren Erkenntnissen nicht unbedingt mehr getankt. Es gibt ein umgedrehtes Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Aber hier ist ein System am Werk, in dem die Konzerne eine besonders große Marktmacht haben.

Frage: Wie sieht die aus?

Mundt: Es gibt ein klares Muster. Wir haben über Jahre 400 Tankstellen in Köln, Hamburg, Leipzig und München beobachtet. Dabei wurde klar: In 90 bis 95 Prozent der Fälle beginnt entweder Aral oder Shell mit dem Anstieg, exakt drei Stunden später zieht der jeweils andere auf den gleichen Preis nach. Nach fünf Stunden folgen die anderen Konzerne, wobei Jet stets versucht, den berühmten einen Cent unter dem Preis der anderen zu bleiben.

Frage: Exakt drei Stunden, exakt fünf Stunden?

Mundt: Ja, erstaunlich exakt. Es ist über die Jahre ein ausgeklügeltes System entstanden: Die Pächter sind verpflichtet, die Preisbewegungen an den umliegenden Tankstellen festzuhalten und an die Zentralen weiterzugeben. Dadurch ist sichergestellt, dass die Firmen genau wissen, welche Tankstelle gerade welchen Preis verlangt.

Frage: Und das ist erlaubt?

Mundt: Ja, denn wir haben keine Hinweise auf Absprachen. Und die brauchen die Unternehmen ja auch nicht – sie wissen ja jederzeit, was der andere macht. Sie verstehen sich quasi blind.

Frage: Aber das kann Sie doch als Kartellbehörde zufrieden stimmen…

Mundt: Natürlich nicht. Wir haben in Deutschland auf den Kraftstoffmärkten ein Oligopol der fünf großen Konzerne. Diese beherrschen den Markt und verwenden ein eingespieltes Preissetzungsmuster. Es gibt keinen richtigen Wettbewerb. Die wenigen freien Tankstellen haben kaum noch eine Chance. Sie kaufen ihren Sprit ja eben auch von diesen Konzernen – und das gelegentlich sogar zu höheren Preisen, als diese ihn selbst an den eigenen Tankstellen anbieten.

Frage: Was kann die Politik tun?

Mundt: Wir haben den Gesetzgeber auf ein paar Modelle im Ausland hingewiesen, etwa in West-Australien oder Österreich. Dort gibt es Instrumente, die die Marktmacht zumindest einschränken. In Österreich etwa darf der Preis nur einmal am Tag erhöht, dafür jederzeit gesenkt werden.

Das Gespräch führte Christian Wiermer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung am 25.07.2011